Peru 2012 - unsere 10. Reise

Nun ist sie schon wieder Geschichte, die OP-Reise Peru 2012 - lange vorbereitet - gerade von den Erstmitfahrern im Team, aber auch von uns „alte Hasen“ erwartungsvoll entgegengefiebert.

Die vielen Eindrücke und Gedanken sortieren sich erst langsam, und dennoch fällt es wie jedes Mal schwer, in Worte zu fassen, was diese Reise ausgemacht hat, was das Besonderewar. Ich werde es versuchen.
Das für mich Prägnanteste möchte ich gleich an den Anfang stellen. Es war die bisher engste deutsch-peruanische Gemeinschaftskampagne. Wie schon so oft hat sich das deutsche Team wieder etwas verändert. Wir stecken alle mit Beruf und Familie in Verpflichtungen und haben Ziele, die Priorität haben. Aber mit unserer Suche nach „Ersatz“ hat sich, fast wie eine verlässliche Fügung, wieder ein tolles Team gefunden, mit allen Fachkräften, die wir benötigen, um unsere speziellen Operationen in Peru zu ermöglichen und durchzuführen. Ganz wichtig ist, dass sich Charaktere finden, die auch in Stress- und Tumultsituationen einen kühlen Kopf bewahren und Toleranz aufbringen, sich individuell einbringen aber sich auch in das Team integrieren - und den Humor / Spaß nicht verlieren. So ein Team sind wir!!

Vom 15. September bis zum 5. Oktober waren wir unterwegs, um in Cajamarca und Huaraz mit unseren peruanischen Mitstreitern, Kollegen und Freunden zusammen eine weitere Operationskampagne für Patienten mit Lippen- Kiefer- Gaumenspalten durchzuführen. Man kann sich nicht einfach in den Flieger setzen und mal nach Peru reisen um zu operieren. Nichts würde funktionieren ohne die monatelange Vorbereitung vor Ort und die Mithilfe unserer - man kann es wirklich so sagen - Freunde in Peru.

In Cajamarca ist es natürlich Christa Stark de Dias, die mit ihrer ganz individuellen Art, bewundernswerter Energie und großer Hartnäckigkeit alle behördlichen und bürokratischenHürden aus dem Weg räumt und mit ihren Helfern ständig präsent ist, um uns ein möglichst reibungsloses Arbeiten mit unseren Patienten zu ermöglichen. Der plastische Chirurg Oscar Julcamoro hat uns 2010 ein paar Tage im OP zugeschaut und sich nach unserer Abreise dankenswerter Weise um die Nachsorge unserer operierten Patienten gekümmert. Daraus ist ein vielversprechender Kontakt entstanden, der mich bewogen hat, ihn dieses Mal viel stärker mit einzubeziehen, ihm von Anfang an das Gefühl zu geben, dass er gleichberechtigt mitarbeitet. Oscar hat bereits Vorkenntnisse in der Spaltchirurgie, so konnte er nach wenigen gemeinsamen OPs bereits selbständig Operationen wurde organisiert, gebunden an das regelmäßige Erscheinen übernehmen.
Die größte Überraschung war ein neues Hospital Regionalam Rande von Cajamarca. Dieses neue moderne Krankenhauserschien uns fast unwirklich. Einige Ärzte und OPSchwesternkannten wir noch von unseren früheren Kampagnenim Regional. Es war ein sehr angenehmes Wiedersehenund Zusammenarbeiten. Da die Ärzte Perus gerade streikten (bis auf Notfalloperationen), standen uns zwei OP-Säle undfast das gesamte Personal zur Verfügung. Traumhafte Bedingungen,die wir für die vielen zu operierenden Patienten gutgebrauchen konnten und genossen haben.

Bis auf die Weiterführung einer bereits 2010 begonnenen Ohrmuschelkorrektur waren es Eingriffe des gesamten spaltchirurgischen Spektrums, die wir durchführten. Patienten jeden Alters, viele Kleinkinder mit primären Verschlussoperationen, aber auch schwierige Re-Operationen nach missglückten Ersteingriffen und Korrekturen, z. B. abschließende Nasen-Lippenkorrektur-OPs bei Jugendlichen stellten uns vor abwechslungsreiche Aufgaben.
Die jetzt 17-jährige Maria Elisabeth z.B. haben wir bereits 1997 als Kleinkind das erste Mal operiert. Mit der jetzigen letzten Korrekturoperation in diesem Jahr ist es geschafft. Wir sind mit dem Resultat sehr zufrieden. Bemerkenswert ist das weitgehend unbeeinträchtigte Mittelgesichtswachstum, was uns in unserem konsequenten schrittweisen Vorgehen beim Verschluss des Gaumens bestätigt. Nach den Operationen und einer Nacht im Hospital – hier mal ein Blick in die sehr schöne Kinderstation - werden die Patienten in einer am Rande Cajamarcas gelegenen Hacienda untergebracht und weiterbetreut, bis der Heilungsfortschritt es zulässt, ihre oft sehr weite Heimreise anzutreten.

Mit Oscar und auch den Kollegen in Huaraz und Lima haben wir uns viel über Operationstechniken und Vorgehensweisen ausgetauscht und, was sehr wichtig ist, überlegt, wie es weitergehen könnte. Wir sind uns einig, dass es nicht mehr reicht, Patienten mit diesen Gesichtsfehlbildungen zu operieren. Hier in Deutschland nennen wir die weitergehende Behandlung eine interdisziplinäre Rehabilitation, das optimale Ineinandergreifen aller notwendigen Fachdisziplinen, um letztendlich ein optimales ästhetischen aber auch funktionelles Ergebnis zu erreichen. Die interdisziplinäre Rehabilitation beginnt schon wenige Tage nach der Geburt mit der Anfertigung einer Trinkplatte, um die Zungenlage und Nahrungsaufnahme zu normalisieren. Eine kinderärztliche Betreuung ist erforderlich, da die Kinder oft von Unterernährung bedroht sind und unter mit der Spaltbildung des Gesichtes kombinierten weiteren Fehlbildungen leiden. Die Beeinträchtigung der Mittelohrfunktion erfordert das Miteinbeziehen eines HNOKollegen.

Kiefer-Gaumenspalten führen immer zu Zahnstellungs- und Bissveränderungen, welche ein damit erfahrener Kieferorthopäde korrigieren kann. Sprachtherapie, Sozialbetreuung u. s. w.
Es ist durchaus problematisch, diese Kollegen zu finden und sie dann zu motivieren, und auch die Bezahlung der Behandlungen muss sichergestellt sein. Aber es gibt vielversprechende Entwicklungen, wie wir in Huaraz erfahren konnten.

Huaraz

Huaraz liegt noch deutlich höher als Cajamarca. Man merkt, die Luft ist dünner und jeden Nachmittag um Vier fängt es an zu regnen. Jeden Morgen auf dem Weg zum Hospital, fast wie ein Ritual, damit alles gut läuft, genießen wir kurz den Blick auf die imposante Bergwelt der Cordillera blanca. In Huaraz sind unsere Partner Mitglieder des Rotary Clubs und ärztliche Kollegen des örtlichen Hospitals. Es war nun schon die dritte gemeinsame Kampagne. Hauptverantwortlich für die Organisation war dieses Mal die Zahnärztin Tania Castillo. Es war bewundernswert, mit welcher Ruhe und Freundlichkeit (fast pausenlos mit ihrem Handy telefonierend) sie alles regelte, was hinter den OP-Kulissen für uns und unsere Patienten zu regeln war.
Bemerkenswert war die sehr enge Zusammenarbeit unseres Anästhesieteams mit den peruanischen Kollegen, insbesondere Rafael Pais, den wir seit unserer ersten Kampagne kennen und schätzen. Es war eine gleichberechtigte Arbeitsteilung und ein reger Gedankenaustausch. Die Medikamentenkombinationen und -dosierungen flirrten nur so durch den OP-Saal. Ich halte dies für genauso wichtig wie den Erfahrungsaustausch der Chirurgen. Viele unserer Patienten sind erst wenige Monate alt und unterernährt oder haben weitere Gesundheitsprobleme - für das Narkoseteam eine gewaltige Verantwortung. Unser Nachsorgeteam ist natürlich viel näher an unseren Patienten und ihren Eltern dran. Sie erfahren mehr über die oft schwierigen Lebensumstände, geprägt vom täglichen Kampf für das Nötigste und die Sorge und Verzweiflung, die ein Kind mit dieser Fehlbildung mit sich bringt. Es gibt immer wieder besondere Patienten, Geschichten, Schicksale, die lange in Erinnerung bleiben. Eine davon ist ein wenige Monate altes Kind, eher eine Handvoll Mensch, völlig unterernährt, gerade noch am Leben. Mit der doppelseitigen Lippen-Kiefer- Gaumenspalte hat es nicht gelernt an Brust oder Flasche ausreichend zu saugen. Dazu kam, dass die Mutter doch etwas unbeholfen war. Anne, Sven, Veronika, Tania und der peruanische Kinderarzt Jonny nahmen sich beherzt dieses Kindes an. Es wurde eine Trinkplatte angefertigt, die das Kind sofort annahm und ausgiebig trank. Eine finanzielle und soziale Unterstützung beim Kinderarzt.

Der Alpamayo - sagt man in Peru - sei der schönste Berg der Welt, aber es leben dort, oft sehr abgeschieden, wohl mit die ärmsten Menschen Perus. Beeindruckt hat uns eine Lehrerin aus dieser Gegend. Sie packte beherzt einen ihrer Schüler samt Vater mit Alkoholproblem (unter Androhung einer Anzeige) ein und brachte beide zu uns nach Huaraz. Für uns war sie ein Glücksfall, denn sie sprach neben Spanisch auch Ketschua, die alte Indiosprache, und konnte uns auch bei anderen Patienteneltern weiterhelfen. So auch bei der erst 17-jährigen Mutter von Jaider - sie war unglaublich verschüchtert und völlig überfordert mit ihrem Baby und seiner Spaltbildung. Der Vater hat sie sofort nach der Geburt des Kindes verlassen. Ihr musste viel gezeigt und erklärt werden. Wir haben Kindersachen, Windeln etc. besorgt und hoffen, dass sie jetzt ihres und das Leben des operierten Kindes fester und mit Vertrauen in die Zukunft in die Hand nimmt.


Wie geht es weiter? Mit den Kollegen in Cajamarca und Huaraz habe ich besprochen, bei Bedarf im nächsten Jahr eine Minikampagne über je zwei oder drei Tage für besondere Patientenfälle durchzuführen. Der Faden soll nicht zu lange abreißen. Das deutsche Team wird 2014 wieder aufbrechen und fortführen, was sich seit 1995 entwickelt hat.

Vielen Dank fürs Lesen, Anteilnehmen und Unterstützen Im Namen des deutsch-peruanischen Teams 2012
Dr. Andreas Pöhl