Huaraz

Von Matthias Bruck
Es gibt Momente im Berufsleben von Ärzten, in denen mehr als ärztliche und operative Kunst gefragt ist. Am Dienstag, dem 19. November erlebte das Team einen solchen. Das Ärzteteam, das gerade seine OP-Kampagne in Cajamarca beendet hatte - hier konnte fast 40 Patienten geholfen werden - bezog die OP-Säle im örtlichen Krankenhaus von Huaraz. Diese Andenstadt, ebenfalls mitten in den Anden auf einer Höhe von über 3000 Metern gelegen, haben die deutschen Ärzte im vergangenen Jahr zum ersten mal angesteuert. Unter den Patienten, die dicht gedrängt im mit dunkelblauer Farbe getünchten Flur des Krankenhauses auf die Vorstellung bei den Ärzten warteten, befand sich eine Frau mit einem Baby, das erst wenige Wochen alt ist. "Es war eine tragische Geschichte, die sie uns erzählte", berichtete Pöhl nach dem Patientengespräch. "Kurz nachdem das Kind geboren war, starb ihr Mann. Sie war völlig verzweifelt und weinte während sie uns das erzählte. Für sie ist es wichtig bald wieder einen neuen Mann zu finden. Die Frauen auf den Dörfern, in denen die Menschen noch sehr archaisch leben, sind ohne einen Mann, sprich Ernährer, oft auf sich allein gestellt", sagte Pöhl. Soziale Systeme greifen hier nicht. "Dazu kommt, dass sie ein Kind mit einer gespaltenen Lippe zur Welt gebracht hat. Sie hatte Angst, dass sie deshalb niemand mehr haben wolle", fügte er hinzu. Dem Kind konnte vorerst mit einer sogenannten Trinkplatte geholfen werden. Diese trennt den Mund- vom Nasenraum und ist eine wesentliche Erleichterung beim Trinken. Für eine Operation war das Kind noch zu jung. Das geht erst in ein, bis zwei Monaten wenn ein Mindestgewicht erreicht ist. Entweder sie findet eine andere Möglichkeit, oder wir sehen uns bei unserer nächsten Kampagne wieder, die aber wohl erst in zwei Jahren stattfinden wird", sagte er. Um die finanzielle Not zu etwas zu lindern gaben wir ihr einen Geldbetrag aus unserem Spendentopf“ sagte er. "Wohl wissend, dass es nicht wirklich und nicht lange hilft, ihr momentan aber einiges erleichtert", fügte er hinzu.

Die Ärzte wurden in Huaraz wie eine hochrangige international Delegation empfangen. Eine einheimische Folkloregruppe führte Tänze vor. Der Klinikdirektor, der das Team zum Empfang geladen hatte, versicherte alle seine mögliche Unterstützung für die deutschen Ärzte. Allerdings verlief der Start etwas holpriger als vom Direktor zugesichert. Beim Bezug der OP-Säle stellte sich heraus, dass die notwendigen Anästhesie-Geräte für den zweiten OP-Trakt fehlen, es war nicht ausreichend OP-Kleidung für das Team vorhanden, selbst an OP-Wäsche und Laken für die Patienten haperte es. Das sind allerdings Probleme, die den Ärzten nicht unbekannt sind. "Im vergangenen Jahr fing es ähnlich holprig an, dank der Hilfe unserer peruanischen Partner, darunter Anästhesie- und Zahnärzte, funktionierte es dann aber doch", erinnert sich die Templiner Anästhesieärztin Heike Schilling. Und so lief es auch diesmal.

Nach mehreren Telefonaten, Verhandlungen und der Fürsprache eines wichtigen peruanischen Anästhesiearztes waren am Abend beide OP-Säle einsatzbereit. Bald lief der OP-Betrieb bereits auf vollen Touren. Für die Templiner Anästhesistin Heike Schilling ist die diesjährige Reise der dritte Peru-Aufenthalt. "Ich schätze die Arbeit von Andreas Pöhl sehr", sagt sie. "Und ich habe mich damals sehr gefreut, als ich die erste Möglichkeit hatte, bei der OP-Kampagne mitzumachen. "Es war schon auch das Bedürfnis, den Menschen in der dritten Welt, die unter wesentlich ärmeren Bedingungen als wir leben müssen, zu helfen", fügt sie hinzu. "Und die Wärme, Herzlichkeit und Dankbarkeit, die uns hier entgegengebracht werden, berührt mich immer wieder aus Neue sehr." Die Bedingungen, unter denen die deutschen Ärzte in den peruanischen Krankenhäusern arbeiten, sind nicht annähernd so komfortabel, wie sie es aus deutschen Krankenhäusern gewohnt sind. "Doch es funktioniert auch unter einfachsten Bedingungen. Wichtig ist, dass wir die erforderliche Anästhesietechnik vorfinden und sie funktioniert. Es müssen nicht die modernsten Geräte sein", berichtet Heike Schilling. Für sie sind die Peru-Fahrten mittlerweile zu unverzichtbaren Stationen in ihrem Berufsleben geworden. "Von den Eindrücken und Erlebnissen, die ich hier erfahre, kann ich sehr viel für mein Selbstverständnis in der Arbeit nach Deutschland mitnehmen. Viele Dinge, die mich zu Hause stören oder auch aufregen, sehe ichmittlerweile in einem ganz anderen Licht. Die Probleme, mit denen viele Menschen hier zu kämpfen haben,
sind existenzieller."