Reisebericht 2004

Gerichtet an alle, die sich für unser Projekt interessieren- mit besonderem Dank an diejenigen, die uns mit Geld- und Sachspenden unterstützen

Zwei Jahre seit unserer letzten Reise nach Peru und der überraschenden Ehrung in Potsdam sind unglaublich schnell vergangen. Die Vorbereitungen begannen wie gewohnt bereits im Oktober letzten Jahres. Problematisch war, dass kaum noch eine Fluggesellschaft bereit ist Reisegepäck über 25 kg zu akzeptieren. Lediglich die amerikanischen Airlines bieten noch das sog. Peece- Konzept mit 2 x 32 kg pro Person. Das war dann auch der Grund für unsere etwas aufwendige Reise mit Delta Airlines über Atlanta, mit Inkaufnahme eines berechtigten Unsicherheitsgefühls bei der anhaltenden terroristischen Bedrohung.

 

Am 29. April ging es also wieder los. Die erste Hürde brachte uns auch gleich zum stolpern. Die Immigrationsbehörden in den USA nehmen absolut keine Rücksicht auf Transitreisende mit knappen Umsteigezeiten. Unser Flieger nach Lima startete in Atlanta ohne uns, weil wir noch in irgendwelchen zähen Warteschlangen standen. Telefonisch musste in Lima einiges umgeplant werden. Letztlich waren wir aber dann doch pünktlich in La Merced unserer ersten Station.

Schon während unserer letzten Reise haben wir in Oxapampa beobachtet, dass der Großteil unserer Patienten z.T. 3-4 Tage- Reisen auf sich nehmen musste um uns zu erreichen. Viele von ihnen kamen über La Merced zu uns. Es lag also nahe zu überlegen, ob wir mit einer OP- Kampagne in La Merced unseren Patienten entgegenkommen und ihre Anreise um wenigstens einen Tag verkürzen. Nach ersten Sondierungen und schon konkreten Absprachen vor Ort durch unseren Projektkoordinator Werner Weiß im September 2003 haben wir diesen Wechsel gewagt. Und es war die richtige Entscheidung. Viele Patienten warteten auf uns, auch einige aus der Region um Oxapampa waren dabei, für die wir natürlich weiter unsere Hilfe anbieten wollen

Die Bedingungen in La Merced waren gut. Das Personal hat uns sehr freundlich und zuvor- kommend aufgenommen, fast ein bisschen aufgekratzt. Wir waren das erste ausländische Team dort.

An der üppigen Vegetation, der unglaublichen Hitze, wenn die Sonne scheint, und der erfrischenden Abkühlung wolkenbruchartiger Regengüsse merkt man, dass man dort schon fast im Regenwald ist. Von den zwei OP- Sälen hatte nur einer eine antike Klimaanlage, aber wir waren froh, dass ein zweiter peruanischer Anästhesist ab und zu für uns Zeit hatte und wir in dem zweiten OP-Saal parallel operieren konnten, um unseren eng gepackten OP- Plan zu schaffen, auch wenn das dann sehr schweißtreibend war


Der Benachrichtigungskampagne im vorhinein entsprechend waren es hauptsächlich Patienten mit Lippen- Kiefer- Gaumenspalten. Auffällig waren besonders extreme Ausprägungsformen und viele doppelseitige Spaltbildungen. Bedeutet, viele Operationen waren sehr anspruchsvoll, zeit- und kraftaufwendig. Trotzdem haben wir dort in den nur 6 Tagen 40 Patienten mit einem die Spaltbildung verschließendem Eingriff helfen können. Mit unserem Einsatz in La Merced sehr zufrieden und dem Wunsch in 2 Jahren wieder zukommen machten wir uns auf den Weg nach Cajamarca.



Dort erwartete uns ein außergewöhnlicher Empfang. Kinder und Eltern, die von unserem Kommen gehört haben, überraschten uns mit einem fröhlichem Empfang auf dem Flughafen. Mit Sprechchören und Luftballons schwingend standen sie schon am Rollfeldzaun. Es war überwältigend. Sicher , Christa Stark de Diaz, welche unsere OP- Kampagne in Cajamarca vorbereitet, hat hier organisatorisch nachgeholfen, aber man spürte die ehrliche Freude und die mit unserem Kommen verbundene große Hoffnung.

Noch am Anreisetag wurden alle bereits angereisten Patienten von uns untersucht und in einem wie immer sehr optimistischen OP- Plan untergebracht. Erfreulich war, dass einige uns schon von früheren Einsätzen bekannt waren und wir den nächsten Schritt des etappenweisen Verschlusses einer kompletten Spaltbildung durchführen konnten. Wir legen aber immer mehr Wert darauf, wann immer es dem Patienten zumutbar ist (älter als 5 Jahre ist, nicht unterernährt, sowie ausreichend gute Blutwerte), in einem Eingriff die Lippen- Kiefer- Gaumenspalte komplett zu verschließen.

 

Eine Operation, welche bis zu 4 Stunden dauern kann. Bei der großen Zahl unserer Patienten ist man versucht, um möglichst vielen zu helfen, sich auch dann auf Etappen zu beschränken. Aber insgesamt gesehen ist nichts effektiver als der Komplettverschluss, wann immer er möglich ist.

Säuglinge werden gleich nach dem Eingriff gestillt

Dieses mal war es uns möglich alle Operationen im Hospital Regional durchzuführen. Das sonst notwendige sehr aufwendige tägliche Umziehen in ein zweites Krankenhaus am Nachmittag entfiel. Hier kam uns sicher zugute, dass die peruanischen Ärzte noch im Streik für bessere Arbeitsbedingungen und Entlohnung waren. Die OP- Säle wurden nur für Notfälle gebraucht. Wir hatten also ausreichend Platz, Zeit und ein sehr hilfsbereites OP- Personal zur Verfügung. Wir konnten sehr effektiv arbeiten und alle geplanten und nicht in der Zwischenzeit erkrankten Patienten operieren (33).

 Gemeinsame OP-Planung mit Dr. Jose ZegarraAuch in Cajamarca wurden wir mit vielen Kindern im Säuglingsalter konfrontiert. Für die Narkosen möchte man heutzutage auf das sehr moderne aber teure Narkotikum Sebofluran nicht mehr verzichten. Vor allem ist es wesentlich nebenwirkungsärmer. Wir können es nicht mit uns führen, müssen es also in Peru kaufen. Nachdem das Erwerben von Sebofluran in dem kleinen im Regenwald gelegenen La Merced kein Problem war, gingen wir ganz optimistisch ins Hospital in Cajamarca. Aber es gab keins. Es musste erst in Lima geordert werden und kam zwei Tage später an. Alle für die ersten Tage bereits geplanten Kleinkinder mussten im OP- Plan nach hinten verschoben werden. Die Bezahlung dieses Narkotikums strapazierte unsere Finanzen arg (9x 250 ml, 1 ml kostet 1 Dollar!!), aber für eine möglichst sichere Narkose unserer kleinsten Patienten ist es uns das Wert und ich denke unseren Spendern auch.


Nach acht sehr intensiven Tagen einschließlich einem kräfteauftankendem Wochenende mit einem Ausflug in die Bergwelt der Anden ging es am Mittwoch, den 18.Mai, zur letzten Etappe nach Lima.

Dort angekommen erfuhren wir, dass unsere Patienten mit unserem Freund und Kollegen Dr. Jose Zegarra schon seit Stunden im Hospital „San Jose“ auf uns warten. Es blieb nicht viel Zeit zum Luft holen nur zum Sachen ins Hotelzimmer werfen und los. Mehr als 40 Patienten mussten angesehen, untersucht und geplant werden. Und zum Abend wurden die ersten beiden operiert.


Einige Babys waren erst wenige Monate oder gar Wochen alt, unterentwickelt oder an frischen Infekten erkrankt. Es ist immer wieder sehr schwer sich selbst und die Eltern zu überzeugen, dass man jetzt nicht operieren sollte , es sicherer ist zu warten. Die mit viel Hoffnung gekommenen Eltern sind natürlich enttäuscht, oft gibt es Tränen. In Lima sind wir dann erst mal froh, dass wir Alternativen anbieten können. Mittlerweile gibt es einige ausländische aber auch peruanische Kampagnen plastischer Chirurgen.
Mit diesen vielen OP- Kampagnen in Lima gibt es aber auch Entwicklungen, die aus unserer Sicht nicht in die richtige Richtung gehen und von uns beachtet werden müssen. Zum einen haben uns peruanische Kollegen von einer großangelegten nordamerikanischen Kampagne erzählt, bei der viele Operateure offensichtlich erst in ihrer Ausbildung waren und die sehr anspruchsvollen Techniken der Spaltchirurgie nicht so beherrschen wie es für ein selbstständiges Operieren in einem solchen Einsatz notwendig ist. Auch wird die Nachbehandlung völlig vernachlässigt. Mit den oft katastrophalen Resultaten, welche dann mit Sekundäreingriffen korrigiert werden müssen, wurden auch wir schon konfrontiert.


Zum anderen führen die ausländischen Kampagnen dazu, dass immer weniger Spaltoperationen durch peruanische Plastische Chirurgen ausgeführt werden, da auch die Eltern mit ausreichenden finanziellen Möglichkeiten auf diese „Gratis Kampagnen“ warten. Eine Entwicklung in die völlig falsche Richtung. Wir haben in Lima schon immer Wert darauf gelegt, dass wir eine deutsch- peruanische Aktion durchführen. Dies betonen wir in jedem Zeitungs- oder Fernsehinterview. Wir operieren zusammen, Dr. Zegarra betreut alle Patienten weiter und steht auch außerhalb unserer Einsätze für Operationen zur Verfügung. Auch legen wir mittlerweile großen Wert darauf, und hier hilft

 


uns die Sozialassistentin des Hospitals, dass wir für die Patienten da sind, die keine Möglichkeit haben den finanziellen Aufwand für eine Operation in einer peruanischen Klinik aufzubringen. Nur so macht unser Engagement in Lima einen Sinn.


Vier Wochen waren wir unterwegs. Vollgepackt mit vielen Operationen verging die Zeit wie im Fluge. Obwohl viele mehrstündige Eingriffe zu bewältigen waren, haben wir insgesamt 104 Operationen durchgeführt, soviel wie noch nie. Zufrieden mit uns und dem Erreichten ging es zurück nach Deutschland, wo uns mittlerweile der Alltag wieder vereinnahmt hat.
Aber in zwei Jahren geht’s wieder nach Peru, das steht fest.

Dr. Andreas Pöhl