La Merced

In La Merced, finden einige Leute aus dem Aerzteteam, sind die Menschen freundlicher, gelassener und zufriedener als in Huaraz. Auf jeden Fall aber ist es hier, in den Tropen, deutlich heißer. Die Berge sind grün, dichter Regenwald hält die kleine Stadt umklammert. Am Tag der Patientenaufnahme ist der Innenhof des hiesigen Hospitals gefüllt von Müttern, Großmüttern und ihren Kindern und Enkelkindern. Eine Mitarbeiterin der Indianerhilfe betreut Indio-Frauen, die mit schüchtern-stoischen Gesichtsausdrücken auf den Bänken Platz genommen haben und geduldig auf die Aufnahme ihrer Kinder warten. Diese findet in einem kleinen Raum im Erdgeschoss statt, in dem ein großer Ventilator die stehende heiße Luft durcheinanderwirbelt und einen Anschein von Frische erzeugt.

Die Templiner Zahnärztin Dr. Anke Weitermann führt Protokoll, die Operateure des Teams, mit einer Taschenlampe und Spatel ausgerüstet, stellen die Diagnose und legen fest welche Operation angezeigt ist. Tränen fließen, als einer Frau gesagt wird, ihr Kind könne noch nicht operiert werden, es sei noch zu klein. Aber auch diesem Kind kann erst mal mit einer Trinkplatte geholfen werden. Das ist eine Art Prothese, welche die Gaumenspalte verschließt. Das Kind kann dadurch erstmals den nötigen Unterdruck im Mund aufbauen und richtig trinken. Nach dem Einsetzen der Platte macht es davon auch ordentlich Gebrauch und ist lange Zeit nicht von der Mutterbrust wegzukriegen. Wieder fließen Tränen, diesmal sind es welche des Glücks.

Der Zahntechniker Sven Petersen, der auch für die Fotodokumentation des Projektes zuständig ist, versucht, das Kind zu fotografieren. Lange Zeit funktioniert es nicht, es lässt nicht von der Brust ab. "Das war ein Moment, den ich sehr bewegend fand", sagt er hinterher. An die 30 Patienten stellen sich dem Team vor, 19 werden in den OP-Plan aufgenommen. "Manche mussten wir mit Infektionen nach Hause schicken, einige hatten beispielsweise Windpocken", berichtet Astrid Spee. In manchen Fällen ist die Entscheidung, doch zu operieren, riskant - doch ohne OP, das wissen die Ärzte, haben manche Kinder eine geringere Überlebenschance. „Das ist insbesondere dann der Fall, wenn wir merken, dass das emotionale Verhältnis der Mutter/Eltern zum Kind doch gestört ist. Mit einer Operation sehen sie dann, dass es vorwärts geht, dass mit einer geschlossenen Lippe das gestörte Antlitz korrigiert ist.“ Der kleine Noe, der von seiner Indianer-Großmutter nach La Merced gebracht wurde, ist so ein Risiko-Patient. Er ist anderthalb Jahre alt, mutet wie ein halbjähriges Kind an und wird seit seiner Geburt ausschließlich mit Kondensmilch ernährt, die mit Wasser verdünnt ist. Die Lippe ist bis in die Nase hinein gespalten, das Kind steckt den Nuckel der Flasche, die die Großmutter ihm hinhält, in die Nase und saugt daran. "Wir operieren", entscheiden die Anästhesisten - wissend um das Risiko, das sie aber für kalkulierbar halten.

Pöhl legt großen Wert darauf, erfahrene Anästhesisten mit nach Peru zu nehmen. Kinder-Anästhesie, zumal bei schwachen, unterernährten Kindern, erfordert viel Erfahrung. Für die Eberswalder Anästhesistin Manja Herbell, die in diesem Jahr zum zweiten mal mitfährt, bedeuten solche OP's eine große Herausforderung. "Es gibt Momente, die verlangen bei all unseren Erfahrungen einen großen Respekt und eine erhöhte Aufmerksamkeit. Wir tun nichts, was wir nicht verantworten können", sagt sie. "Aber ein erhöhter Adrenalinspiegel ist bei solch komplizierten Operationen wie bei diesen Kleinstkindern garantiert." Der kleine Noe wird am folgenden Tag operiert. Erfolgreich. Die Lippe ist verschlossen, Sven Petersen fertigt für ihn eine Trinkplatte an.

Der Junge wird noch einige Tage auf der Pädiatrie-Station des Krankenhauses bleiben - die Umstellung seiner Ernährung muss überwacht werden. "Wir hoffen, dass wir ihn in zwei Jahren wiedersehen und haben seiner Großmutter eingeschärft, dass sie alles unternehmen soll, damit er überlebt", sagt Pöhl. Die Mutter hatte den Jungen vor wenigen Monaten verlassen. Ein Kind mit einer, Lippen- Kiefer- Gaumenspalte zu haben, bedeutet auch für Akzeptanz der Eltern in ihrem sozialen Umfeld oftmals eine riesige Schwierigkeit. So erleben die Ärzte die letzten Tage ihres diesjährigen Peru-Einsatzes gefüllt mit großen Herausforderungen. "Aber das ist eigentlich immer so", sagt Anke Weitermann. Sie ist eine von den Ärzten, die fast von Anfang an bei der OP-Kampagne dabei waren. "Ich könnte es nicht einmal in Worte fassen, warum das so ist, dass ich mich hier engagiere", sagt sie. "Jedes mal, wenn ich hier bin, weiß ich, dass ich auch beim nächsten mal wieder dabei sein möchte." Seit 1997 hat sie jeden 'Einsatz mitgemacht. "Eigentlich wäre ich hier mit meiner Ausbildung als Zahnärztin verzichtbar.

Ich operiere keine Spalten, ich nehme keine Anästhesien vor, ich nehme hier die Rolle der Asisstentin, der Schwester, des Mädchens für alles ein. Die Peruaner nennen mich Instrumentista." Über die Jahre hinweg ist Peru für Anke Weitermann zu einer Art zweite Heimat geworden. "Wir werden gemeinsam mit unseren Partnern, die wir hier haben, älter - und wenn wir uns nach ein, bis zwei Jahren zu einer neuen Kampagne treffen und in der Zwischenzeit nichts voneinander gehört haben, ist es dennoch so, als hätten wir uns erst gestern von ihnen verabschiedet.

Manchmal trifft sie auf den Märkten zufällig Patienten, die vor Jahren durch das Team operiert wurden. "Sie kommen auf uns zu und begrüßen uns freudig. Das finde ich immer sehr bewegend", sagt Anke Weitermann. Ihre Kinder - fünf und sieben Jahre alt, weiß sie in dieser Zeit bei ihrem Partner und den Großeltern in guten Händen. "Natürlich habe ich Sehnsucht. Natürlich fällt es mir nicht leicht, so lange von ihnen weg zu sein. Ich weiß aber, warum ich hier bin. Wir tragen dazu bei, dass die Menschen hier ein besseres Leben führen können." Ihre siebenjährige Tochter hat ihr stolz gesagt, dass sie es gut findet, dass sie nach Peru fährt, um dort zu helfen.